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Trends / Entwicklungen

42 Volt - Virtuelles Bordnetz
Messfahrten am PC

Autor:
Dr. Maximilian Miegler
Bertrandt AG
Birkensee 1
D-71139 Ehningen
E-Mail: info@de.bertrandt.com


Dr. Maximilian Miegler ist Teamleiter Elektronik/Simulation in der Abteilung Elektronik/Erprobung bei Bertrandt in Gaimersheim.



Gemeinsam mit den OEMs arbeitet der Entwicklungsdienstleister Bertrandt an neuen Bordnetzmodellen. Er will den Herausforderungen der 42-Volt-Technologie mit einer innovativen Entwicklungsmethodik gerecht werden. Mit virtuellen Bordnetzen können Engineering-Dienstleister Fahrzyklen am PC durchfahren und neue Komponenten bereits in der Konzeptphase checken.

Die Auslegung eines Kfz-Bordnetzes gilt als komplexe Aufgabe, die viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl erfordert. Der zunehmende Einsatz von Verbrauchern mit hoher Leistungsaufnahme (Heizsysteme, X-by-Wire) erfordert überdies neue Entwicklungsansätze, da der Leistungsbedarf im Vergleich zu derzeitigen Automobilen (durchschnittlich 1,5 Kilowatt) bis um das zehnfache ansteigen wird.

Die 42-Volt-Technologie übernimmt die Aufgaben der Leistungsverteilung. Die Auslegung (Batterie, Generator, Regler) hingegen erfordert neue Methoden, da Erfahrungswerte wie Drehzahl-Kollektive und Einschaltstatistiken dem hochdynamischen Verhalten eines modernen 42-Volt-Bordnetzes nicht mehr gerecht werden.

Neue Ansätze soll das virtuelle Bordnetz aufzeigen, das derzeit bei Bertrandt Gaimersheim in Zusammenarbeit mit einem OEM unter Einsatz modernster Simulationswerkzeuge aufgebaut wird. Modifikationen im virtuellen Bordnetz können wesentlich einfacher durchgeführt werden als im Brettaufbau oder im Laborauto, so dass die Lösungsfindung einen wesentlich größeren Variationsspielraum zulässt. Per Mausklick können Bordnetzarchitektur und Systemparameter verändert werden, was in der Realität mit enormen Kosten verbunden wäre.

Die Systemkomplexität eines Bordnetzes stellt hohe Anforderungen an den Simulator, da die Komponenten elektrisch, thermisch und mechanisch stark miteinander gekoppelt sind und teilweise nichtlineares und sprunghaftes Verhalten aufweisen. Beim Startvorgang zum Beispiel ändert das Bordnetz schlagartig seinen Systemzustand: Ein kniffliges numerisches Problem für jeden Simulator. Der Modellaufbau erfordert daher Kenntnisse sowohl der zu modellierenden Komponenten als auch der im Simulator eingesetzten Lösungs-Algorithmen. Das Modell wird als grafisches Blockdiagramm aus Komponenten der Simulator-Bibliothek oder mit extern erworbenen Modellen (Zulieferer, Spezialfirmen) zusammengesetzt.

Mit einer simulator-spezifischen Programmiersprache werden bei Bertrandt auch eigene Komponenten-Modelle entwickelt, die auf die speziellen Anforderungen des Bordnetzes abgestimmt sind. Die Lösungen werden auf die während der Simulation angestellten Betrachtungen abgestimmt: Die Simulation von beispielsweise einer Ladebilanz erfordert die Betrachtung langer Zeiträume, die von Stunden bis zu Tagen andauern können.
Schnelle transiente Schaltvorgänge spielen dabei keine Rolle. Hingegen erfolgen Spannungseinbrüche, wie zum Beispiel Lastabwürfe, im Millisekunden-Bereich. Das wiederum lässt die Modellierung langsamer Vorgänge (Erwärmung, Batterie-Entladung) überflüssig werden. Eine bedarfsgerechte Anpassung der Modellgenauigkeit ermöglicht die Simulation mehrstündiger Fahrzyklen im Zeitraffer (Minutenbereich). Jedes Komponenten-Modell verfügt über einen Parametersatz, mit dem das Modellverhalten an das reale Verhalten angepasst wird (Modellcharakterisierung). Dabei strebt Bertrandt eine Genauigkeit von fünf Prozent an.

Zu diesem Zweck wird ein Referenzmodell entwickelt, das einen tatsächlichen Laboraufbau wie einen Brettaufbau oder ein Laborfahrzeug widerspiegelt.
Mit einem Laborauto können Fahrprofile aufgenommen werden. Dazu gehören beispielsweise die Messung von Drehzahlen, Temperaturen und Strömen, die sich dann später in das Referenzmodell einspielen lassen. Das erlaubt, das Referenzmodell mit den tatsächlichen Messdaten zu kalibrieren. Bertrandt verfügt über umfassende Möglichkeiten zur Charakterisierung von 42-Volt-Komponenten, was einen regelmäßigen Vergleich von Simulations- und Messdaten ermöglicht. Das abgeglichene Referenzmodell dient nun als Entwicklungsbasis für Modifikation und Erweiterungen. Um 42-Volt-Komponenten charakterisieren zu können, steht beispielsweise ein spezieller Batterie-Prüfstand zur Verfügung. Ferner können leitungsgebundene EMV-Prüfungen sowie Untersuchungen der Bordnetz-Spannungen durchgeführt werden.

Herzstück des Batterie-Prüfstands: ein sogenannter "Digatron"-Tester. Mit diesem Gerät können Batterien sowohl für 14- als auch für 42-Volt-Bordnetze vermessen werden.
Das Bordnetz-Modell besteht aus der Batterie als Energiespeicher, dem Generator als Energieerzeuger, den Reglern und zuschaltbaren Verbrauchern wie Lampen, Heizungen und E-Motoren. Die Komponenten sind untereinander durch Leitungen verbunden, deren Widerstandswerte aus den Kabelbaumdaten gewonnen werden.

Nun werden Modifikationen bezüglich Auslegung und Anzahl der Komponenten durchgeführt und nach Simulation verschiedener Fahrzyklen - darunter fallen zum Beispiel Stadt- und Winterfahrten - die Auswirkungen auf den Batteriezustand oder die Ladebilanz analysiert.
Die Schaltzustände der Verbraucher werden manuell vorgegeben oder aus den Messdaten ermittelt. Da sowohl viele Verbraucher (E-Motoren, Heizelemente) als auch Batterie und Generator stark von der Temperatur abhängen, wird auch der Kühlkreislauf modelliert und ein thermisches Netzwerk für die relevanten Komponenten aufgebaut.

Mit dem nun komplettierten Bordnetz werden verschiedene Bordnetz-Austattungen mit unterschiedlichen Fahrzyklen bei einstellbarer Temperatur untersucht. Die Ergebnisse werden verwendet, um Schwachstellen zu beheben und realistische Auslegungen für Batterie und Generator zu finden. Zudem dient das Modell als Basis für die Neu- oder Weiterentwicklung von Überwachungsmodulen und Reglern. Die Simulationen zeigen, ob Systemzustände richtig erkannt werden und welche Auswirkungen Regeleingriffe auf Ströme und Spannungen im Bordnetz nehmen (Überschwinger, Unterspannung, Oszillationen).

Auch der Austausch von Komponenten wie Batterie, Generator oder Heizsystem sowie die Auswirkungen auf das Bordnetz und auf den Fahrbetrieb können analysiert werden. Das virtuelle Bordnetz wird derzeit hauptsächlich auf die Betrachtung der Energiebilanz bei verschiedenen Fahrprofilen ausgelegt. Zukünftig sollen Bordnetz-Modelle so variabel gestaltet werden, dass auch Kurzzeitbetrachtungen (Spannungseinbrüche) möglich sind. Weiterhin sollen Fahrzyklus-Simulationen in der Hinsicht automatisiert werden, dass Entwickler Bordnetz-Austattungen variieren und Simulationen über verschiedene Parameter durchfahren können, ohne den Simulator und das Modell im Detail kennen zu müssen.

Abb. 1: Schaltungs-Simulation: Ausschnitt einer Schaltungs-Simulation mit dem entsprechenden Zeitverlauf des Signals.


Abb. 2: Modellaufbau und Varianten: Die Komponenten werden untereinander mit Leitungen verbunden, deren Widerstandswerte aus den Kabelbaum-Daten gewonnen werden.

AE-Autor Dr. Maximilian Miegler: »Der Leistungsbedarf in künftigen Fahrzeug-Generationen wird bis um das Zehnfache ansteigen.«